Das Dialogformat „Sprechen und Zuhören“ – ein Versuch der Verbindung

Aktuelles
, 22. Juli 2025

In einer Gesellschaft, in der freie Debattenräume zunehmend verloren gehen und Diskurse durch immer enger gezurrte Meinungskorridore eingeschränkt werden, lässt eine Methode aufhorchen, die von sich behauptet, Menschen wieder in Beziehung miteinander bringen und Brücken zwischen gegensätzlichen Standpunkten bauen zu können.

Der Verein „Mehr Demokratie e.V.“, der sich nach eigenen Angaben seit 35 Jahren dafür einsetzt, unser höchstes politisches Gut, die Demokratie, erfahrbar zu machen, lud letztes Wochenende zu einer ganztägigen Moderator*innen-Fortbildung zu „Sprechen und Zuhören“ in den Stemmerhof in München ein, an der sich ca. 80 Interessierte beteiligten.

Anfangs beäugte man sich doch sehr misstrauisch, mit wem man hier wohl zusammengekommen war. Viele trugen unter ihrem Namen die entsendende Organisation, die man nur schwer erkennen konnte, da sie sehr klein gedruckt war - in meinem Fall die „BSW Freunde München“. In einem ersten Austausch mit meinem Sitznachbarn zur Motivation für die Fortbildung, meinte ich ein Stirnrunzeln im prüfenden Blick auf mein Namensschild zu erkennen, was mich in der Folge vorverurteilt fühlen ließ und nahm an, hier mit Sicherheit alle gegen mich zu wissen. Da war das Thema, über das wir im Anschluss sprechen sollten, gerade passend: „Wie geht es mir mit Ausgrenzung und Benachteiligung?“

Kurz zur Beschreibung der Gesprächsmethode: Vier zufällig zusammengewürfelte Personen tauschen sich in einer Gruppe miteinander aus. Jede Person spricht vier Minuten lang nur über sich selbst, die eigenen Empfindungen zu einem zuvor festgelegten Thema, dann die zweite, dritte und vierte. Die anderen hören währenddessen schweigend und auch ohne nonverbale Kommentare zu. Nach einem kurzen Innehalten wird dieses Prozedere für zwei weitere Runden á jeweils vier Minuten wiederholt. Die wesentliche Herangehensweise liegt in der Art der Fragestellung. Der Unterschied zwischen „Was denkst du über XY?“ und „Wie geht es dir mit XY?“ erscheint auf den ersten Blick marginal, aber macht den Kern der Methode aus und damit einen bedeutenden Unterschied. Man kommt weg vom argumentativen, ideologischen Schlagabtausch hin zum Potenzial von Gefühlen in Diskussionen. Hier folgt man also einem anthropologischen Ansatz, nach dem jeder Mensch als soziales Wesen gehört und verortet werden möchte.

Nachdem ich als Person mit den längsten Haaren als erste Sprecherin beginnen sollte, war ich doch besorgt, welche Sicherheit das Gesprächsformat bieten würde und wie lang das Schweigen der anderen halten würde, sobald ich Beispiele eigener Ausgrenzungserfahrungen durch meine Kritik an Coronamaßnahmen, an deutschen Waffenlieferungen in die Ukraine und am Verhalten Israels ggb. den Palästinensern zur Sprache brächte sowie meine Benachteiligungerfahrungen als Covid-Ungeimpfte.
Ich meinte zwar zu spüren, wie die anderen drei den Atem anhielten und nahe daran waren, mit den Augen zu rollen. Meine Furcht zu sprechen steigerte sich noch zu Beginn der zweiten Runde, nachdem mein Gegenüber zuvor weitere Waffenlieferungen in die Ukraine absolut befürwortet und zum erklärten Sinn des eigenen Lebens deklariert hatte. Hier hatte ich in meiner Not vergessen, dass ich einfach die Hand ans Herz hätte legen können, um wortlos zu bedeuten, dass die sprechende Person nicht mehr über die eigenen Gefühle zum Thema sprach, sondern in die bekannte, spalterische Rhetorik verfallen war. Diese Geste darf als einziges, korrigierendes Element während des Gesprächs eingesetzt werden. Durch die Berichte von Ausgrenzungserfahrungen der anderen beiden Sprechenden aus dem nicht-politischen, persönlichen Bereich veränderte sich plötzlich die Stimmung. Ein unerwarteter Effekt setzte ein. Ich entdecke zu meiner Überraschung Gemeinsamkeiten. Mein Herz öffnete sich für die Stimme der anderen. Die Atmosphäre im Raum entspannte sich. Alles wurde gelassener und ruhiger.

Im Nachgang können im gemeinsamen Plenum noch mal einzelne Stimmen gehört werden. Hier wurde von den Moderierenden der Veranstaltung berichtet, dass zum Beispiel nach einem Gesprächsdurchlauf zu Coronamaßnahmen sich eine Person bei allen anwesenden Maßnahmenkritikern für die eigene Ablehnung und Ausgrenzung derselben entschuldigt habe.

Der Zugang zu den eigenen Empfindungen und ihre Beschreibung machte trotz inhaltlicher Verschiedenheit eine Beziehungsebene möglich. Diese scheint Voraussetzung für eine inhaltlich sachliche Auseinandersetzung zu sein. „Sprechen und Zuhören“ entpuppte sich als ein gelungenes Mittel zum Bindungsaufbau, Öffnen und Orientieren, vorausgesetzt die Teilnehmenden snd bereit, ihre Empfindungen zu teilen.

Durch das Er-Spüren, wie ich zu einer Sache stehe und indem ein Raum geschaffen worden war, in dem ich ohne kämpfen zu müssen, gehört werde, gelang mir die lange vermisste Erfahrung von Freiheit. Freiheit ist eine wesentliche Säule der Demokratie. Festgefahrenes kann sich öffnen und Perspektivwechsel entstehen. Und selbst die BSW Freunde München schienen auf weitaus weniger Ablehnung zu stoßen, als ich zuerst angenommen hatte, auch wenn am Ende bedauerlicher Weise niemand Interesse an einer Vernetzung zeigte.

Demokratie ist mehr als eine Staatsform, sondern eine Lebensform, die sich besonders in einer guten, respektvollen Gesprächskultur äußert. Dieses Dialogformat sollte meiner Meinung nach in öffentlich geförderten Debattenräumen einem breiten Publikum zur Verfügung stehen und in Kommunen Mitbestimmungsformate zu zukunftsweisenden Entscheidungen der Bürgerinnen und Bürger ermöglichen.

(KF) 21.07.2025

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